Weihnachtsgedanken 2016 – Ferdinand

Ferdinand war lange meine unerwähnte Weihnachtsgeschichte.

Er war der Rentner, der regelmäßig beim Schuhmacher im Fenster stand, rauchte und seine Blicke auf die Straße warf und dabei aussah, als atmete er nicht. Zumeist stand er stumm in der Ecke, wenn ich meine Schuhe abholte. Heinrich, der Geschäftsinhaber, macht einmal eine kurze Bemerkung: „Er ist ein guter Kerl.“

Hin und wieder sprach Ferdinand die Kunden an, die ihm dann verstört zuhörten. Das war nicht gut fürs Geschäft, aber Heinrich wusste mehr über Schuhsolen und weniger über Bilanzen. Ferdinand trug an seiner Geschichte. Einst Fernfahrer, stand er nun starr im Laden wie ein Asket beim Versuch nicht zu atmen, bis der Druck auf der Brust seine Lippen zerbarst und er gierig nach Luft schnappte.

Am letzten Arbeitstag vor Weihnachten trat Ferdinand auch auf mich zu.

„Hätten Sie etwas dagegen, mir zuzuhören?“

Er war höflich und redete nur dann weiter, wenn man es ihm gestattete. Ich schüttelte leicht den Kopf.

„Ich weiß, es hilft nicht, und normalerweise würde ich sie nicht fragen. Aber es macht Dinge etwas leichter.“

Dann atmete er tief, tief ein. Er nahm eine Zigarette aus der Schachtel und suchte prüfend mit einem stummen Blick nach Zustimmung. Ich nickte.

„Meine Frau ist vor sechs Jahren gestorben. Nichts ist seitdem, wie es einmal war.“

Er nahm seine Brille ab und legte sie neben die Zigarettenschachtel. Das Gewicht der Gläser hatte Furchen auf dem Nasenrand hinterlassen. Er rieb seine Augen und schaute mich an – gradewegs und unvermittelt.

Um die Stimmung aufzuhellen, versuchte ich es mit einem Scherz: „Können sie nun klarer sehen?“

Er schüttelte den Kopf und antwortete so, als hätte er meinen Witz überhört: „Nicht klarer, aber viel weiter.“

Ich presste meine Lippen zusammen, und sie brannten mit Feuer.

„Eines noch“, sagte er. „Bitte versuchen Sie nicht, mir Ratschläge zu geben.“

„Werde ich nicht.“

Wir verstanden einander. Sein Mund imitierte ein Lächeln.

„Sie waren nicht immer LKW-Fahrer?“

„Nein, erst nachdem… Woher wissen Sie?“

„Ihre Grammatik verrät sie.“

„Ja, das tut sie – jedes Mal aufs Neue.“

Der Krebs hat ihm seine Frau genommen; seitdem waren seine Gedanken karzinogen. Das war seine Geschichte zusammengepresst in einer Nussschale. Er hatte alles versucht, um sich seinem Schicksal entgegenzustemmen – ohne Erfolg. Nun erzählte er der Fügung zum Trotz, und jeder seiner Sätze war bühnenreif einstudiert, er bedurfte nur noch eines Publikums für seinen Auftritt. Alle Elemente waren vollendet verknüpft, und seine Wortwahl war makellos, so als hätte er mir den Werther vorgelesen. Ich lauschte mit Genuss.

Ganzgleich, wie häufig er sein Lebensstück aufführte, es wollte sich ihm nicht zum Sinn erschließen. Seine Erzählung war gespickt mit Details über das erste Treffen, seinen Sohn, ihre Katze, die gemeinsame Selbstständigkeit und vieles mehr. All diese Miniaturbacksteine der Handlung wollten, trotz scheinbarer Belanglosigkeit, erzählt und wieder erzählt werden – Mal um Mal.

Dann endete er – irgendwie abrupt und doch formvollendet.

„Fühlen Sie sich besser?“

Er nickte dankbar und erleichtert. Er setzte seine Brille wieder auf und schaute mich kurzsichtig an. Dann tat er den Mund auf und atmete ein – tief, tief ein. Ich ahnte, dass er hiernach aufhören würde zu atmen – vielleicht für Tage oder Wochen, solange eben, bis er jemanden gefunden hatte, vor dem er seine Tragödie aufführen konnte. Dann erst sollten seine Lippen auseinanderplatzen, um nach Luft zu schnappen. Manchmal, wenn der Winterschnee die Straßen zum Schweigen bringt, lausche ich, und mir will es scheinen, als ob ich Ferdinand tief, tief einatmen hörte.


Günther Bially

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