Weihnachtsgedanken 2019 – Papa Heinrichs Esel

Weihnachtsgedanken 2019 – Papa Heinrichs Esel

Er weinte. Unerwartet. Und niemand wusste, wie ihm geschah. Die Füße, versunken im Schnee, froren. Waren wie taub. Eine Träne fiel meiner Mitschülerin von der Wimper. Selbst Arne hatte gläserne Augen. Letztlich, benommen von einem Mysterium tremendum, schmeckte auch ich das kalte Salz auf meinen Lippen. Es war geschehen, und wir waren sprachlos. Alle. Man durfte es nicht erklären, sonst verlor es seine Kraft. Man musste es selbst gerochen haben.

Viele erinnern sich bis heute an jenen sagenumwobenen Winter, als Papa Heinrich, unser neuer Religionslehrer, seinen Esel mit zur Schule brachte. Der Schulleiter hatte die beiden bereits an der Pforte abgefangen. Sogar Jahrzehnte später kursierten noch immer unterschiedliche Berichte darüber, die unmöglich alle stimmen konnten. Einigkeit bestand nur darin, dass es passierte.

Unser Leistungskurs Religion probte das Krippenspiel für die große Aufführung. Fünfzehn Schüler, drei abwesend weil erkältet. Von oben war dem Esel der Zutritt zum Klassenzimmer strikt verboten worden. Unsere Gruppe wurde auf die verschneite Sportwiese verbannt.

Dort standen wir nun. Arne mit verdrehten Augen. Es war kalt, und seine Jacke eher modisch als warm. Für ihn war Papa Heinrich ein Schnacker. Für mich der Geschichtenerzähler schlechthin. Ich mochte ihn lieber als Herrn Otto, seine Vorgänger,  der die Synoptiker bis ins Winzigste zerlegt hatte und uns Aufsätze über Kierkegaards wirkungsgeschichtlichen Einfluss auf das 20. Jahrhundert hatte schreiben lassen. Er hatte auch ein Buch über Das Heilige geschrieben. Spannend, aber anstrengend. Mit Papa Heinrich war es entspannter, eher wie Geschichtsstunde. Niemand wusste so zu erzählen wie unser weißbärtiger Religionslehrer.

Der dumme Esel schaute zitternd drein. Im Krippenspiel war er nur eine Requisite, Teil des Bühnenbildes. Arne verkniff sich seine abschätzige Bemerkung nicht, dass das Märchen vom Stall nie stattgefunden hatte. Außerdem roch das Tier sehr streng.

Papa Heinrich blieb davon unbeirrt. In seinem wehenden Mantel wirkte er wie Elia, der alttestamentliche Prophet, mit erhobenem Zeigefinger und wundersamen Botschaften. Ein Bild für die Götter, die wohl nicht allzu fern gewesen sein mochten.

Er entführte uns in ferne Länder, in die Zeit von Göttern und Geistern, weit vor der neumodischen Erfindung des Atheismus in der Aufklärung. Der antike Mensch wandelte stets unterm Gewand des Göttlichen, und einigen unter ihnen war es gegeben, bereits selbst auf der untersten Stufe zur Vergottung zu stehen. Alexander der Große, Kleopatra die Schöne, Augustus der Herrliche waren die Menschengötter auf Erden. Hätte der Allmächtige die Menschen besuchen wollen, so wäre er bestimmt im Palast des Kaisers eingekehrt, nicht in einer Scheune.

Vor unseren Augen malte Papa Heinrich das weiße Pferd des Augustus, stark und stolz wie Bukephalos, das Streitross des Alexanders, Eroberer der Welt. Endlich sah auch ich ihn, unseren Esel, wiehernd und frierend, deutlich im Kontrast zum hehren Pferd. Es war so lachhaft wie komisch, und gleichsam so mächtig wie der Beginn einer Revolution. Der Herr der Heerscharen im Heu. Sternenstaub im Stroh. Der göttliche Gestank im Stall.

„Zu schön, um wahr zu sein“, bemerkte Arne.

Dann ereignete sich das Faszinosum, losgetreten von einer dummerhaften Bemerkung. Papa Heinrich wurde überkommen wie von einer Trauer oder einem Entzücken. Er zitterte. Er stotterte. Er flüsterte zärtlich ins Ohr des Esels, als könnte er das Tier verstehen oder umgekehrt. Wir hörten ihn und verstanden doch nicht. War er ergriffen worden von seinen eigenen Worten oder war es doch das herzzerreißende Schicksal seines kranken Sohnes, größer als ein Mann ertragen konnte?

In den Tiefen der Geringsten und Zerschlagenen war ein Brunnen, darin fanden wir uns selbst als Mensch, und das Lächeln des Höchsten spiegelte sich auf der Oberfläche. 

Papa Heinrich legte dem frierenden Tier seinen Mantel über. Arne tat seine Jacke dazu. Auch das war zu schön, um wahr zu sein. Er weinte. Auch ich. Wir alle. Berührt vom Unaussprechlichen, erspäht und doch nie gesehen. Alle wussten, etwas war geschehen.

Papa Heinrich setzte sich auf den Esel, und Arne half ihm hoch. Der Dicke schaukelte  voran. Die Revolution hatte begonnen, und wir folgten, wenn nötig bis nach Jerusalem, dem Gestank des Esels hinterher bis in alle Ewigkeit.

Nichts entfesselte größere Kraft als eine Geschichte, deren Zeit gekommen war. So wie diese hier. Einfach zu schön, um nicht wahr zu sein.


Günther Bially